Am Beginn der Suche stehen diese Fragen: Wie kam es überhaupt dazu, dass das Geschichtshaus zur vermeintlichen Beginenklause wurde? Stand die Klause, wenn es denn eine in Owen gab, tatsächlich auf dem rechtsseitigen Ufer der Lauter an der Kirchbruck? Und wer und ebenso wichtig welchen Standes waren diese ➤ Beginen, die ohne feste Klosterregel aus freien Stücken in einem geistlichen Konvent ein arbeitssames, asketisches und andächtiges Leben, meist nach der Drittordens-Konstitution der Franziskanerinnen oder Augustinerinnen, führten? Die für dieses Leben eine seelsorgerische Betreuung durch einen Leutpriester oder einen eigens der Klause zugeordneten Kaplan bedurften?.
Am Anfang steht eine ungesicherte, auch wirre Überlieferung Dass schon im 12. Jahrhundert in der Owener Vorstadt ein Frauenkloster neben der nahe gelegenen Beginenklause bestanden habe, ist wenig glaubhaft. Ebenso wenig glaubhaft und urkundlich nicht zu belegen ist, dass ➤ Herzog Ludwig I. von Teck (1249/†1283) der Stifter des Klosters war und dass die Beginenklause auf ihn zurückgeführt werden kann. Urkundlich belegt ist, dass Herzog Ludwig 1249 das vor den Toren der Stadt Kirchheim gelegene Dominikanerinnenkloster „privilegierte“.(1) In seiner 1884 erschienenen Ortsgeschichte von Owen schreibt der Pfarrer Paul Rooschüz (1820-1889): „Ludwig, der Stammvater der älteren Linie [der Herzöge von Teck; eig. Anm.], (†1282) ist ohne Zweifel der Stifter des hiesigen Nonnenklosters.“ Und räumt gleich mit dem ersten Satz zu seinen Ausführungen über ein vermutetes erstes Kloster in Owen ein: „Leider sind die Nachrichten darüber sehr unsicher und ungenau.“(2)
Warum Rooschüz das Sterbedatum Herzog Ludwigs I. mit 1282 angibt, obwohl er die Schriften Oswald Gabelkovers(3) kennt und auch zitiert, ist ein Rätsel. Es ist wohl so simpel wie banal: Er übernimmt die Gründungslegende für das Kloster und auch das Sterbedatum für den Herzog von anderen Autoren. 1864 schreibt der Pfarrer Eduard Friedrich Hochstetter (1823-1902) über Herzog Ludwig: „Ihm wird auch die Stiftung des Nonnenklosters in Owen zugeschrieben.“ Wenige Zeilen weiter: „Er […] starb im Dezember 1282 …“. 19 Seiten weiter, anschließend an die Beschreibung der in eine Scheune umgewandelten Kirche St. Peter [gemeint ist die Bernhardskapelle; eig. Anm.]: „In der Nähe stand vielleicht das frühere Nonnenkloster, das Herzog Ludwig von Teck stiftete.“ Und auf S. 66 wird der Standort des Kloster mit „neben der jetzigen Stadtpfarrei“, der ehemaligen Klosterkirche St. Peter, angegeben und auch eine „Beguinen-Clause“ erwähnt.(4)
Vielleicht schuf schon 1848 der Verfasser der Beschreibung des Oberamtes Kirchheim, Rudolph Friedrich von Moser, die Gemengelage, aus der letztendlich über mehrere nicht nahvollziehbare Überlieferungsstufen die Legende entstand: Ein Herzog Ludwig von Teck soll ein Frauen-Kloster gestiftet haben (S. 242), aus den handschriftlichen Notizen Gabelkovers, in welchen dieser ein ehemals in der Klosterkirche vorhandenes Gemälde beschreibt, „kann geschlossen werden, daß das Kloster mindestens 1282 gestiftet worden ist.“ (S. 243) Und schließlich S. 256: „Ludwig V. war im J. 1251 Schutzvogt des Kl. Alpirsbach, machte das Dorf Dornhan im J. 1271 zu einer Stadt, starb im Dez. 1282 und wurde in Owen begraben.“(5) Nicht zu übersehen ist, dass das Jahr 1282 in seiner Wandlung vom Todesjahr Herzog Ludwigs I. zum Stifungsjahr für eine Beginenklause von Moser über Hochstetter zu Rooschüz eine nicht hinterfragte Fiktion ist.


Die Legende wird manifest Im Jahr 1936 erwarb der Kaufmann Anton Priban zusammen mit seiner Ehefrau Lore ein am rechten Ufer der Lauter gelegenes Haus. Unmittelbar an seiner nordwestlichen Ecke betritt man die über die Lauter führende Kirchbruck in westlicher Richtung und gelangt, sich nach links wendend, zur westlich der Lauter stehenden Marienkirche. So viel fürs Erste zum Standort. Priban modernisierte das Ladengeschäft des vorigen Besitzers und ließ das schöne Fachwerk fachmännisch freilegen. Unter dem Fenster des nordöstlichen Anbaus und auch auf der zur Lauter hin gelegenen Gebäudeseite ließ er folgende Inschrift anbringen: Beginenklause gegr. 1282 // von Herzog Ludwig von Teck // urkundlich erwähnt 1430 // wiederhergestellt 1465. So konnte bei jeder Überquerung der Lauterbrücke die Inschrift zweimal gelesen werden. Der Glaubwürdigkeit tat es keinen Abbruch, dass es zwischen der angeblichen Gründung im Jahr 1282 und der urkundlichen Erwähnung 1430 eine Lücke von beinahe 150 Jahren gab.
Die Quellen Pribans waren wohl die Beschreibung des Oberamts Kirchheim, wohl auch Hochstetters Büchlein „Die Teck und ihre Umgebung“, vor allem aber die Ortsgeschichte von Paul Rooschüz, der über dessen Erwerbung mit Bestimmtheit schreibt: Früher befand sich hier eine Beguinenklause, getrennt vom Kloster, aber ohne Zweifel in der Nähe desselben gelegen. Nach einer ziemlich sichern Überlieferung war dieselbe nämlich in dem Hause, das jetzt der Kaufmann Bepler inne hat. Hier sollen sogar noch vor nicht langer Zeit Zimmereinrichtungen, die von jenen früheren Bewohnerinnen des Hauses herrührten, zu sehen gewesen sein.(6) Vielleicht war es dessen bestimmter Ton („ohne Zweifel“), der Priban bewog, das alte Fachwerkhaus, von dem man seinerzeit nicht wusste, wie alt es tatsächlich ist, als Beginenklause zu benennen. Aus dem falschen Sterbejahr Ludwigs wurde das Stiftungsjahr für die Klause; von der urkundlichen Erwähnung 1430 und dem desolaten Zustand des Gebäudes 1465 weiß Rooschüz allerdings nichts. Und woher oder von wem Priban das übrige Wissen hatte, ist ebenfalls ein Geheimnis.
Die Beginenklause stand nicht an der Kirchbruck Das Kloster, das Rooschüz erwähnt, und in dessen Nähe sich die Beginenklause befunden haben soll, befand sich im westlicher gelegenen Teil des heutigen Friedhofs. Alleiniges Überbleibsel davon ist das „Schlößlespfarrhaus“, in dessen Baukörper sich die Reste der St. Peterskapelle und der daraus hervorgegangenen Klosterkirche erhalten haben. Die älteste Quelle zum Ursprung der Peterskapelle ist der Bericht des Historikers Martin Crusius (1524-1607)(7a) über Zwey Erscheinungen des Apostels Petri zu Owen [➤ Crusii Annales Suevici](7b), dem die Gründungslegende aus einem alten Meß=Buch des Closters in der Stadt Owen durch Levi Schenz, dem Sohn des Owener Stadtpfarrer Lorenz Schenz(7c), mitgeteilt wurde.
Crusius berichtet mit einiger Distanz, dass am Pfingsttag des Jahres 1332 (= 8. Juni) und dem Tag danach der Apostel Petrus in Owen erschienen sei. Der habe mit seinem Wanderstab elf Abdrücke im durch die Trockenheit harten Boden hinterlassen, ein krankes Kind geheilt und zur Buße aufgerufen. Während seiner zweiten Erscheinung, dieses Mal im Priestergewand, habe er weitere Kranke geheilt und erneut gemahnt, Buße zu tun. Der Owener Dekan Heinrich(8a), der dies alles zunächst für eine Buͤberey hielt, überzeugte sich am Ort der elf Abdrücke, daß es nicht habe geschehen koͤnnen, daß ein bloser Mensch dieses mit einem Stabe in so harter Erde gethan haͤtte(8b). Er sammelte die dargebrachtern Opfer getreulich ein und ließ am Ort, wo sich die elf Abdrücke befanden eine Kapelle für den hl. Petrus erbauen. Herzog Ludwig von Teck(8c) habe ihn auf keine Weise daran gehindert, sondern die Ehre des Heil. Petri nach Vermoͤgen befoͤrdert.
Die Petrus-Legende taugt nicht zur Lokalisierung des Gründungsortes der Peterskapelle. Auch enthält sie keinerlei Hinweise auf eine eventuell vorhandene Beginenklause. Ob diese oder die Peterskapelle zuerst ins Licht der Geschichte trat, lässt sich aus heutiger Sicht nicht entscheiden. In den folgenden beinahe zweihundert Jahren jedoch wird die St. Peters Kapelle meist zusammen mit einer Klause genannt, wird mit dem Bau eines Klosters zur Klosterkirche und die Beginenklause wird in das Kloster inkorporiert. Die Klostergebäude sind längst verschwunden und mit ihnen auch die Beginenklause. Als gesichert darf jedoch gelten: Die Beginenklause befand sich in der Nähe der St. Peterskapelle und wurde zur baulichen Keimzelle des Klosters.

Beim Blick auf den Stadtplan (Abb. 3) zeigt sich auch, dass bei der Distanz zwischen dem Haus an der Kirchbruck (roter Punkt) und dem „Schlößlespfarrhaus“ (blauer Punkt) eher von Ferne als von Nähe gesprochen werden muss. Es bildet zusammen mit der am Kriegsende zerstörten „Wirtschaft & Metzgerei zur Traube“ (# 48) ein Dreieck, auf der anderen Seite steht der 1995 abgebrochene „Gasthof zur Post“. Sowohl der Plan wie auch das darüberliegende Bild (Abb. 2) zeigen, dass hier auch kein Platz für ein Kloster gewesen sein kann. Das Ensemble der drei Häuser weist vielmehr darauf hin, dass es sich bei dem Haus an der Lauter um ein ehemaliges Gasthaus handelt, das in seiner wechselvollen Geschichte zum Kaufladen und schließlich zur „sogenannten Beginenklause“ wurde.
Das Haus an der Kirchbruck war nie eine Beginenklause Das Haus an der Kirchbruck, die auch Mitterbruck heißt oder nach dem Kaufmann, der die Legende der Beginenklause an die Fassade des Hauses malte, Pribansbruck, ist heute das ➤ Geschichtshaus von Owen und beherbergt eine Dauerausstellung zur Owener Geschichte, das Stadtarchiv und die Stadtinfo. Mit seinem Bau wurde – und das ist laut der bauhistorischen Untersuchung aus dem Jahr 1999 ➤ dendrochonologisch gesichert – nicht vor 1498 begonnen.(9) Auch deshalb war es nie eine Beginenklause.
Nach den historischen Missgriffen bei der Bestimmung des Todesjahres für Herzog Ludwig I., der nicht zu begründenden Umwidmung dieses Jahres in ein Gründungsdatum für eine Beginenklause, der Verirrung in den Verästelungen der Genealogie der Teckherzöge und nicht zuletzt den spekulativen und immer falschen Lokalisierungsversuchen bleibt die Frage, wie die beiden viele Jahrzehnte früher liegenden historischen Daten in der Fassade des Geschichtshauses – urkundlich erwähnt 1430 und wiederhergestellt 1465 ins Bild passen. Eine Urkunde aus dem Jahr 1430 bietet einen ersten Anhaltspunkt und in den Investiturprotokollen der Diözese Konstanz aus dem 15. Jahrhundert ist die Beginenklause unter dem Rubrum monasterium [= Kloster] verzeichnet. Auch bei Rooschüz (1884) finden sich Hinweise, aus denen auf den ehemaligen Standort der Klause geschlossen werden kann. Wie sich allerdings zeigt, sucht Rooschüz nach dem ehemaligen Kloster, die Beginenklause ist mit seiner „ohne Zweifel“ vorgetragenen Standortbestimmung am rechtsseitigen Ufer der Lauter für ihn nicht weiter von Interesse.(10)
↑ (2)Paul Rooschüz, Owen. Seine Geschichte und seine Denkwürdigkeiten, Stuttgart 1884, S. 86 und 140. Rooschüz war Stadtpfarrer in Owen von 1879 bis 1887.
↑ (3)Oswald Gabelkover, Genealogische Collectaneen. HSTAS, J 1 Nr. 48g I, fol. 16r: A 1283 in vigilia natalis obiit sepultus fuit dux Ludewicus de Tecke in Kirchen = Im Jahr 1283 starb an Heiligabend Herzog Ludwig von Teck und wurde in Kirchheim begraben.
↑ (4)Eduard Friedrich Hochstetter: Die Teck und ihre Umgebung. Kirchheim u. T. 1864, S. 37, 56 und 66. Hochstette war 1864 Pfarrer in Gutenberg; als 1884 Rooschüz´ Ortsgeschichte von Owen erschien, war er Pfarrer in Frickenhausen und von 1888-1900 Stadtpfarrer von Owen.
↑ (5)Die Brüder Ludwig IV. (urkundlich 1299 bis 1347, † vor 1352) und Ludwig V. (urkundlich 1301 bis 1332, † 1332) sind Söhne des Herzogs Hermann I. (* um 1260; † 20. Dezember 1313), Sohn des Herzogs Ludwig I.; Ludwig V. erscheint in den Urkunden als Lutzmann zur Unterscheidung von seinem Bruder Ludewig. – Zum Kloster Alpirsbach und dem Dorf Dornhan vgl. Gründer, a.a.O., Regesten Nr. 8 und 17. – Zur Genealogie der Herzöge von Teck vgl. Götz, a.a.O., S. 35, Stammtafel 2: Die Oberndorfer Linie.
↑ (6)Der Kaufmann Friedrich Bepler hatte das Haus vom Kaufmann Wilhelm Gustav August Bender erworben und verkaufte es 1905 an den Kaufmann Karl Richter, von dem es wiederum 1936 der Kaufmann Priban erwarb. – Rooschüz, a.a.O., übergeht eher beiläufig die Tatsache, dass zwischen der vermeintlichen „Beguinenklause“ und dem Kloster die Lauter fließt, mithin von „Nähe“ keine Rede sein kann.
↑ (7abc)a) Martin Crusius: Annales Suevici. 3 Bände , Frankfurt am Main 1595 (Band 1–2) bis 1596 (Band 3). Deutsche Übersetzung von J.J. Moser (1733), Bd. 1, S. 901-902. b) WEBlink: ➤ Crusii Anales Suevici an der Eberhard Karls Universität Tübingen, Universitätsbibliothek. c) Levi Schenz (Schentz) (1560-1597) war von März bis Mai 1595 Diakon in Owen; sein Vater Lorenz Schenz (Laurentius Schentz) (1524-1607) war Diakon und Schulmeister 1557, 1566-1601 Pfarrer in Owen; siehe Landeskirchliches Archiv Stuttgart, Württembbergische Kirchengeschichte online (Pfarrerbuch Württemberg), Ordnungsnummer 7116 und 7117.
↑ (8abc)a) Dekan Heinrich von Owen ist nachgewiesen in Urkunden beim HStAS, A 474 U 712 [1334 Mai 25], 714 [1339 Mai 31] und A 493 U 345 [1348 Juli 3]. b) Crusius, Bd. 1, S. 902: Dieses sind schoͤne Sachen, welche mich an die Erscheinungen der Gottheiten, so in meinem Homero vorkommen, erinnern …. c) Herzog Ludwig III. (* um 1285; † 28. Januar 1334; er wurde in Owen begraben), vgl. Götz, a.a.O., Stammtafel 3: Die Linie Owen-Mindelheim, S. 46 sowie Gründer, a.a.O., S. 46, Stammtafel.
↑ (9)Bauhistorische Kurzuntersuchung. Owen, Kirchheimer Str. 51, Beginenklause. Ingenieurbüro für Hausforschung, Dendrochonologisches Jahrringlabor, 20. Juli 1999, S. 1f.
↑ (10)Missgriffe: Beschreibung des Oberamtes Kirchheim, Hochstetter, Rooschüz, jeweils am a.a.O.; Rolf Götz, Vergessene Kirchen in Kirchheim unter Teck und Owen. Zur Lokalisierung und Identifizierung vorreformatorischer Kirchen und Kapellen, in: Schriftenreihe des Stadtarchiv Kirchheim unter Teck, Bd. 15 (1992) S. 57-61. Der Beitrag mit seinem Reichtum an Material und Quellen ist als „Wissensdatenbank“ nicht zu ersetzen.